Aus anderen Zoos: Wilhelma Stuttgart
Amazonienhaus am Neckar. Die neue Attraktion läßt vielfältige Überlegungen aufkommen. Ist der Regenwald noch zu retten? Der Versuch, Klärung zu finden.


(Bild: Dschungel live - Wasserfall im grellen Grün)

Das am 17.Januar 2000 im Rahmen eines großen Festaktes (3500 Gäste) eröffnete Amazonienhaus war das Ziel der 30 Tierparkfreunde aus München.
Vergleiche zu unserem Dschungelzelt in Hellabrunn zu ziehen, war einer der Gesichtspunkte. Wie wird das hochsensible Biotop dem Besucher nahegebracht? Ist eine Miniaturausgabe des Regenwaldes mit seinen vielfältigen Vernetzungen überhaupt darzustellen? Viele Fragen und einige erstaunliche Anworten.

Der Mai ist gekommen, die Tierparkfreunde schwärmen aus. Die Wilhelma in Stuttgart ist unser Ziel. Über 30 Personen sind sehr früh aufgestanden (Abfahrt 7.30 Uhr) und sitzen erwartungsvoll im Bus nach Westen. In Stuttgart angekommen, werden wir am Haupteingang von Frau Hempel begrüßt. Als Geschäftsführerin des Vereins der Freunde und Förderer der Wilhelma hat sie 16.000 Mitglieder (bei dieser Mitgliederzahl können wir in München nur neidisch werden) zu betreuen. Frau.Dr.Lo-Kockel, die Kuratorin für Botanik in Stuttgart, gesellte sich zu unserer Runde. Somit begann der offizielle Teil der Führung. Der vom Südeingang kurze Weg zum Amazonienhaus ließ einige unserer Mitglieder schon erste interessante Fragen stellen. In dem 14 Meter hohem Haus, mit einer Fläche von 1300 Quadratmetern, herrschen zu allen Jahreszeiten Verhältnisse, die weitgehend denen im tropischen Regenwald entsprechen. Der Keller ist mit den modernsten Anlagen zur Erzeugung künstlicher klimatischer Bedingungen ausgestattet. Heizungs- und Wasseraufbereitungsanlagen, gepaart mit intelligenter Computertechnik, tun ihr Möglichstes, uns den Eindruck der tropischen Fauna und Flora als gesamte Einheit zu vermitteln. Ein gigantisches Netz von Rohrleitungen, Kabeln und ein kaum feststellbare Zahl von verschiedensten Sensoren für Wärme, Luftfeuchtigkeit und Licht sind zum optimalen Betrieb des Amazonienhauses notwendig. Die geforderten Daten liegen bei 24 bis 28 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 80% relativer Feuchte. Die hohe Luftfeuchtigkeit wird mit Feinstnebeldüsen, die vollentsalztes Wasser versprühen, erreicht. 30.000 Kubikmeter Luft werden so pro Stunde befeuchtet und gewärmt oder auch -wenn es im Sommer zu warm ist- gekühlt.

  (Bild: Die alte Remise und das neue Amazonienhaus - ein architektonischer Kontrast)

Dieser Aufwand kostet Geld, viel Geld: Knapp 18 Millionen, wobei 7,9 Millionen von den Stuttgarter Zooförderern kamen, eine gewaltige Leistung von allen Beteiligten, aber wie wir bei unserem Rundgang festgestellt haben, hat sich jede Mark gelohnt.
Doch nun machen wir uns auf den Weg durch Amazonien. Alle Sinne sind gefordert, warme Luft und dicke Nebelschwaden, der Geruch von feuchter Erde, das Zwitschern verschiedener Vögel und das Schreien der Brüllaffen, das ist die Ouvertüre die den »Urwaldwanderer« nach Durchqueren der Eingangshalle empfängt. Kurz noch zur Eingangshalle: Schön wäre es, wenn man dort mehr über den derzeitig katastrophalen Zustand der Regenwälder erfahren könnte. Es sollte doch ein Anliegen aller Menschen sein, diese Regenwälder zu erhalten. Information tut Not, und wo bitte ginge das besser als bei einer solchen Einrichtung, wie es das Stuttgarter Amazonienhaus darstellt? Doch nun weiter auf unserem Weg: Für die Augen überwältigend das dargebotene Grün in allen Schattierungen, in welchem sich große und kleine Gewächse produzieren. Übrigens, die Indianer am Amazonas benutzen 200 Worte, um das Grün der Urwälder zu beschreiben. Der Eindruck ist zwar überwältigend, aber wie der Wilhelma-Direktor Prof.Dr.Jauch im aktuellen Wilhelma-Magazin meint:»...den Regenwald schlechthin können wir leider nicht an den Neckar zaubern.«

  (Bild: Das Fenster zum Amazonas enthüllt eine geheimnisvolle Unterwasserlandschaft
Photo:L.Siermann)
Aber schon jetzt kann man den Stuttgartern gratulieren, der kleine Ausschnitt der hier mit Mühe angelegten Urwälder Amazoniens ist wohl gelungen. Glückwünsche aus München für alle Beteiligten. Ein mit Rindenmulch bestreuter, sich in Mäandern durch das Haus schlängelnder Urwaldpfad bringt uns verschiedenen Attraktionen näher. Leicht bergauf, leicht bergab, langsam gehend, aufmerksam das Dickicht mit den Augen durchsuchend, so kommen wir voran. Abgestorbene Baumriesen, 10 Meter hoch aus Beton, im Innern gewaltige Lüftungsrohre enthaltend, gestützt auf natürlich geformte Brettwurzeln, sind auffällige Merkpunkte in der Landschaft. Vor einem tropischen Wasserfall, der munter plätschert, kommen wir zu einer großen Voliere, in der es sich zwei schwarze Brüllaffen müde gut gehen lassen. Alice und Miles, sie sind Zuchtleihgaben vom Zoo Twycross in England, sind schon an ihre neue Umgebung gewöhnt. Der Nachwuchs soll nicht mehr fern sein. In den getarnten Terrarien sind nach langem Suchen Vogelspinnen, Pfeilgiftfrösche und auch große Regenbogenboas zu finden. Besonders bei kleinen Tieren ist nur mit viel Geduld etwas zu entdecken. Aber dies ist ja der besondere Kick der heutigen Tierhaltung. Der Zoobesucher und reiz-bilderüberflutete Jetztmensch soll sich nämlich selbst um sein zoologisches Erleben bemühen. Einfach hingehen und Klotzen gehört der Vergangenheit an.
  (Bild: Frischluft aus künstlichen Baumriesen)

Gegen Ende der Wanderung gibt es noch ein Stück des 4500 Kilometer langen Amazonasstromes zu sehen. Ein paar Stufen nach unten und schon gleitet der Blick auf eine kleine Bucht im Grünen des Regenwaldes. Durch eine dicke Glasscheibe blicken wir in dunkle Tiefen.
Große Welse, Pacus (nüssefressende Salmler, die größten der Welt, bis zu einem Meter lang), verschieden Buntbarsche und mehrere Wasserschildkröten bewegen sich träge in dem großen Schwarzwasserbassin. Die Kaimane, die zusätzlich noch für die Amazonasbucht vorgesehen sind, befinden sich noch in veterinärärztlicher Quarantäne. Sie werden erst in einigen Monaten ihre neue Heimat beziehen können. Dann sieht die Anlage mit Sicherheit schon sehr echt aus.

  (Bild: Gut getarnt ist halbe Beute)

Manchem der Besucher wird bei der richtigen Stimmung,wenn im Abendlicht auch noch die Konturen verschwimmen, ein leichter Schauer über den Rücken rieseln.
Um das Dschungelgefühl auch jetzt schon zu steigern, bewegen sich 2 Trompetervögel frei auf dem langen Urwaldpfad. Die Besucher nicht aus den Augen zu lassen, das könnte ihre Aufgabe sein. Vielleicht ermahnen sie uns, wenn wir den festen Rundgangsweg verlassen. Soll man/frau auch nicht. Damit die beiden langbeinigen Aufpasser nicht nach draußen entwischen, wurde am Ausgang ein Schild angebracht »Nicht für Trompetervögel!«.Hoffentlich halten sich die zwei daran.

(Bild: Auch aus der Distanz furchterregend:Der große Mississippi-Alligator)
Frau Hempel von den Stuttgarter Förderern mußte uns nach dem Rundgang leider verlassen. Herzlichen Dank und viele Grüße an die Stuttgarter Kollegen. Frau Dr.Lo-Kockel ging mit uns dann zum Aquarium. Einige der Münchner Tierparkfreunde wollten sich im Besonderen die Krokodilhalle ansehen. Dort wird der Riesenbambus gezogen. Er schießt mit 60 Zentimeter pro Tag schnell aus dem Boden, mit viel Geduld kann man ihm direkt beim Wachsen zusehen. Mangroven wachsen mit ihren Stelzwurzeln im Mittelbecken. Dort finden zwischen Pflanzen und Baumstämmen mehrere Mississippi-Alligatoren Deckung. Sie können eine Länge von sechs Metern erreichen. Auf der anderen Seite der Besucherbrücke leben ein paar Brillenkaimane. Australische, spitzschnäuzige Johnsonkrokodile und einige afrikanische Stumpfkrokodile sind in den großzügigen Anlagen auch zu beobachten.

(Bild: Auch dem Eisbären war es offenbar zu heiß)
Die weiteren Bewohner und Gäste des Aquariums, das zu den renommiertesten Europas zählt, alle in perfekten Anlagen gehalten, sollte sich der Leser in Stuttgart vor Ort ansehen. Eine Schilderung ist nur eine Beschreibung des Gesehenen; mit allen Sinnen so eine Anlage zu erleben, ist eine Freude und allen Tierparkfreunden, die nicht dabei waren, zu empfehlen. Dieses gilt auch für den gesamten Zoo und seine botanischen Abteilungen, die wir nachmittags erleben durfte.  

(Bild: Was ist denn da los?Immer diese aufdringlichen Photografen.Als Brillenpinguin hat man ´s doch schwer)
 
Ein schöner Tag, zu heiß, aber auch ein wenig regnerisch. Von allem Etwas. An Frau Dr.Lo-Kockel ein herzliches Dankeschön, liebe Grüße und viel Erfolg.

Harry Kinder
Photo:Harry Kinder

 

Ausgabe 1/01
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